Gut – besser – GUT! So lautet die Steigerungsform für modernen Jazz in Hannover. Was als Konzertreihe im GUT begann wurde abrupt unterbrochen: Der Veranstaltungsort machte dicht. Und so standen die Initiatoren Arne Pünter und Gunnar Geßner samt Konzept auf der Straße. Wie fühlt man sich in so einem Moment?

Arne: Zuerst einmal war ich wütend. Denn mit der Jazz-Reihe wurde mit viel Mühe und Enthusiasmus etwas Neues auf die Beine gestellt. Und gerade was den Jazz angeht, quillt die Stadt nicht gerade über vor innovativen Konzepten. Also war es im ersten Moment schon ärgerlich dass wir den Laden schließen mussten. Wir wollten aber keine Meckerposition einnehmen und ständig davon reden wie schlimm das für uns ist, sondern weiterhin engagiert bleiben. Die Wut, die da freigeworden ist, sollte ganz einfach umgelenkt werden – in eine positive neue Richtung.

Und so ist Jazz GUTunterwegs entstanden – ihr wandert nun von einem Konzertort zum nächsten…

Gunnar: Genau – und in Bezug auf das Erleben sind diese verschiedenen Orte auch echt abgefahren. Also zum Beispiel dieser leerstehende Getränkemarkt in Linden: Plötzlich sitzt man nicht mehr in einem superschönen Kuschel-Saal, sondern in einem „Glaskasten-Aquarium-Schaufenster“ mitten auf der Straße. Das war schon ungewöhnlich. Durch solche Orte werden die Konzerte natürlich auch spezieller. Also ich war schon auch traurig, dass der ursprüngliche Ort weggebrochen ist, weil ich ihn mit Intensität und Aufbruch verbunden habe. Und natürlich konnte man sich besser um die Leute kümmern, weil klar war wie die Kaffeemaschine funktioniert und wo sich das Bier kühl stellen ließ. Trotzdem ist es witzig an verschiedenen Orten zu sein und es gibt uns die einmalige Möglichkeit das spezielle Aroma des jeweiligen Ortes aufzunehmen und einzubauen.

Der Ärger ist also verflogen und ihr habt Elan und Bock auf mehr!

Arne: Klar! Es ist ja auch wichtig, dass man die Dinge weiterentwickelt. Das künstlerische Konzept wollen wir allerdings nicht verändern, denn das geht total auf. Wir haben ein Format etabliert, das es zum einen so in Niedersachsen nicht gibt und das zum anderen den Musikern vernünftige Rahmenbedingungen bietet. Aber wir müssen uns fragen, wie wir mehr Leute für unsere Idee und die Konzerte begeistern können und zwar auch solche, die dieser Art von Musik kritisch gegenüber stehen. Wir wollen das Produkt von innen heraus stärken – um ein wirtschaftliches Bild zu bedienen obwohl wir nicht wirtschaftlich sind. Also wie kann man das Gesamtpaket spannender machen?

Ist es denn realistisch, dass eure Konzerte ein größeres Publikum anziehen?

Gunnar: Persönlich glaube ich, dass man über die Art und Weise, wie man die Leute anspricht schon ein neues Publikum findet. Das Gesamtpaket muss modern und attraktiv sein. Es soll also nicht nur musikalisch auf höchstem Niveau überzeugen, sondern auch rund um den Anlass herum professionell sein. Die Eisfabrik ist beispielsweise ein toller Veranstaltungsort – dort stehen manchmal noch Theaterbühnenreste rum und die Band lässt sich in diese Kulisse hinein drapieren. Unser Licht-Techniker macht einen super Job und trägt mit seiner Arbeit viel zum Ambiente bei. Außerdem versuchen wir eine entspannte Atmosphäre zu schaffen indem wir Bands und Publikum gut bewirten. Wesentlich schwieriger gestaltet sich das Marketing. Das wollen wir jetzt verbessern und im laufenden Jahr ein bisschen experimentieren und gucken, ob wir erfolgreiche Formate finden.

Zum Beispiel?

Gunnar: Wir haben zum Beispiel einen Fotografen, der von den vergangenen Konzerten richtig tolle Bilder gemacht hat. Dadurch dass wir immer wieder in anderen Locations waren sind die Motive interessant und abwechslungsreich. Mit diesen Bildern planen wir eine Punk-Foto-Ausstellung: Sie sollen im öffentlichen Raum – zum Beispiel an der Limmerstraße oder dem E-Damm in Geschäften auftauchen. Die Fotos locken hoffentlich auch wieder neue Leute zu den Konzerten. Ich finde die Idee zumindest ganz witzig und bin gespannt, wie dieses Streetart-Projekt ankommt. Was wir bereits gemacht haben, aber noch vertiefen möchten, sind die Kinderkonzerte. Sie sollen nicht nur Kindern die Musik näher bringen, sondern gleichzeitig die Eltern auf unsere Konzerte neugierig machen. Und dann planen wir Workshops, mit denen wir gezielt an beispielsweise Schüler-Bigbands herantreten. Die Spitzen-Musiker, die am Abend bei uns spielen, können die Jugendlichen womöglich für das Konzert begeistern, denn diese Künstler sind wirklich allesamt sensationell. Es sind Namen in der Szene! Und somit ist auch die Musikhochschule ein Thema: Es kommen erstaunlich wenig Studierende zu unseren Konzerten, was eigenartig ist. Man würde ja eigentlich erwarten, dass die alle neugierig sind auf die Entwicklungen in der aktuellen Jazzszene. Wir möchten den Studierenden also neu die Möglichkeit bieten einen spannenden Workshop mit einem namhaften Dozenten zu besuchen, der sie dann hoffentlich in ein schönes Konzert zieht.

Das klingt alles ein bisschen danach, dass das Rundherum mehr Gewicht erhält – das Gesamtkonzept eben. Ist das die Verkaufsstrategie für modernen Jazz? Denn der wird ja gerne als zu kompliziert und anstrengend abgetan und die Konzerte entsprechend als Veranstaltungen für einen elitären Kreis.

Gunnar: Ich bin kein Musiker oder Jazzer, deswegen habe ich eine andere Perspektive. Aus „veranstalterischer“ Sicht geht es mir auf jeden Fall darum für einen Abend ein rundes Erlebnis zu bieten und ja – mit Musik, die einen auch mal ein bisschen beansprucht, bei der man zuhören muss und nicht so genau weiß, was passiert und was für Töne und Klänge zu hören sein werden. Das ist ja das Geile an improvisierter Musik – das hat etwas unfassbar Spielerisches. Die Musik wird dann zum Erlebnis. Es geht eben nicht um Gefälligkeit und um Töne, die man kennt oder um Jazz-Standards, die abgespult werden. An unsere Konzerte geht man, um etwas zu erleben und um die Atmosphäre einzusaugen.

„Bei unseren Konzerten wird nix abgeschliffen und in eine Form gepresst!“

Arne: Der Jazz ist kantig, die Musik ist manchmal auch sperrig – bei unseren Konzerten wird nix abgeschliffen und in eine Form gepresst! Das soll auf keinen Fall passieren! Trotzdem stellen wir nicht immer nur improvisierte Musik vor. Natürlich haben wir die auch im Programm, mit Rudi Mahal beispielsweise. Aber nehmen wir die Band „Expressway Sketches“ als Gegenbeispiel: Das ist Surf-Rock-Musik, also da wird Surf-Rock mit Jazz zusammengebracht. Das ist mit Sicherheit eine Musik, die die Zuhörer nicht unbedingt mit Jazz verbinden.

Kleines Gedankenspiel: Was würdet ihr tun, wenn ihr das Zehnfache der im Moment zur Verfügung stehenden Fördersumme hättet?

Gunnar: Da würde ich einige der unglaublich vielen ehrenamtlichen Stunden bezahlen wollen. Das ist zwar nicht der visionäre Teil, aber doch ein erwähnenswerter Punkt. Künstlerisch würde ich gar nicht viel verändern. Die Rahmenbedingungen könnten noch besser sein – an den Gagen für die lokalen Bands könnte man beispielsweise noch drehen. Oder aber mal eine Band mit großer Besetzung einladen.

Arne: Wir haben wirklich die Spitze des neuen deutschen Jazz bei uns in der Reihe – das sind die besten Leute, die es im Moment gibt. Dass wir die zu unseren Gagenbedingungen nach Hannover holen können ist eigentlich eine traurige Sache. Das muss man ehrlich sagen, obwohl wir wirklich anständig bezahlen, weil uns das auch wichtig ist. Aber wenn man überlegt, welchen Status diese Künstler haben, die bei uns spielen, würde ich als allererstes die Gagen hoch setzen. Der ganze Werbe-Etat könnte natürlich noch eine kleine Finanzspritze vertragen. Trotzdem: Das Ganze soll weiterhin einen „Independent Style“ haben, denn das macht die Reihe aus. Wir haben also nicht vor irgendwelche großen Hallen zu füllen, weil ansonsten der gesamte Charme der Veranstaltung verloren ginge. Deswegen gibt es bestimmt auch nach oben eine Grenze, wie viel Geld einer solchen Reihe gut tut.

Und in was für Locations zieht es euch zukünftig? Wovon träumt ihr?

Gunnar: Die ganze Stadt ist voller abgefahrener Räume – im bizarren Umfeld des Holländischen Pavillon etwas zu machen würde mir gefallen. Das Hochhauskino fällt mir ein oder die unterirdischen Sachen – unterm Bahnhof zum Beispiel. Aber es gibt auch noch leerstehende Industriehallen oder ich könnte mir auch vorstellen mal was im Kraftwerk in Linden zu machen. – Arne: Lindener Hafen, das würde ich sehr gerne mal machen! – Gunnar: Also was die Locations betrifft, geht da noch einiges, was ganz schön Rock’n’Roll wäre!